„Was brauche ich eigentlich?“
Eine einfache Frage, und doch fällt es gar nicht so leicht, darauf eine Antwort zu finden.
Oft wissen wir ziemlich genau (oder glauben zumindest es zu wissen), was andere brauchen. Wir spüren, wenn es jemandem nicht gut geht, übernehmen Verantwortung, versuchen Erwartungen zu erfüllen oder möchten es möglichst allen recht machen. Doch eigene Bedürfnisse wahrnehmen und ernst nehmen – genau das ist für viele gar nicht so einfach.
Vielleicht kennst du Gedanken wie:
- „So wichtig ist das jetzt auch nicht.“
- „Die anderen brauchen mich gerade mehr.“
- „Ich möchte niemanden enttäuschen.“
- „Ich muss da jetzt einfach durch.“
- „Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich brauche.“
Warum ist das so? Warum stellen wir die Bedürfnisse anderer manchmal vor unsere eigenen, oder nehmen unsere eigenen kaum noch wahr?
Was sind Bedürfnisse eigentlich?
Bedürfnisse gehören zum Menschsein. Sie zeigen uns, was wir körperlich und psychisch benötigen, damit es uns langfristig gut gehen kann. Neben grundlegenden Bedürfnissen wie Schlaf, Nahrung und Erholung, gibt es Bedürfnisse nach Sicherheit, sozialer Zugehörigkeit und Nähe, Anerkennung und Selbstachtung sowie nach persönlicher Entwicklung und Selbstverwirklichung, Ruhe und Verbundenheit.
Dabei sind Bedürfnisse nicht dasselbe wie Wünsche. Ein Wunsch beschreibt eine konkrete Möglichkeit, wie ein Bedürfnis erfüllt werden könnte. Wenn ich mir beispielsweise wünsche, einen Abend alleine zu verbringen, könnte dahinter das Bedürfnis nach Ruhe oder Erholung stehen. Der Wunsch ist der freie Abend, das Bedürfnis dahinter vielleicht Ruhe.
Diese Unterscheidung kann hilfreich sein, da ein Bedürfnis oft auf unterschiedliche Weise erfüllt werden kann.
Wenn die Bedürfnisse anderer wichtiger erscheinen
Für andere da zu sein, Rücksicht zu nehmen und Kompromisse einzugehen, gehört zu Beziehungen dazu. Schwierig kann es werden, wenn die eigenen Bedürfnisse dabei dauerhaft keinen Platz mehr bekommen.
Vielleicht sagen wir Ja, obwohl wir eigentlich Nein meinen. Wir übernehmen noch eine Aufgabe, obwohl wir längst erschöpft sind. Oder wir sprechen unsere Wünsche nicht aus, weil wir niemanden enttäuschen möchten. Langfristig kann dieses ständige Zurückstellen zu innerer Unzufriedenheit, Anspannung oder Erschöpfung beitragen. Manchmal bleicht dann nur noch: „Ich funktioniere eigentlich nur noch.“
Spätestens dann kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen.
Die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen ist nicht egoistisch.
Gerade Menschen, die es gewohnt sind, viel für andere da zu sein, verbinden Selbstfürsorge oder Abgrenzung manchmal mit Egoismus. Doch die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen bedeutet nicht, dass die Bedürfnisse anderer unwichtig werden. Es bedeutet vielmehr, sich selbst ebenfalls wichtig zu nehmen.
Es geht also nicht um:
„Nur ich bin wichtig.“
Sondern um:
„Auch ich bin wichtig.“
Die eigenen Grenzen zu kennen, Pausen zuzulassen oder auszusprechen, was man braucht, kann Beziehungen sogar klarer und ehrlicher machen. Denn wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse kennen, können wir bewusster entscheiden, wann wir für andere da sein möchten und wann wir selbst etwas brauchen.
Wie finde ich heraus, was ich eigentlich brauche?
Wer die eigenen Bedürfnisse lange zurückgestellt hat, findet darauf vielleicht nicht sofort eine Antwort. Das ist in Ordnung. Oft beginnt es mit kleinen Momenten des Innehaltens.
Hilfreich können Fragen sein wie:
- „Wie geht es mir gerade wirklich?“
- „Was spüre ich körperlich?“
- „Was belastet mich im Moment?“
- „Was würde mir gerade guttun?“
- „Wo sage ich Ja, obwohl ich eigentlich Nein sagen möchte?“
- „Was brauche ich, damit es mir in dieser Situation besser geht?“
Nicht jedes Bedürfnis kann sofort erfüllt werden. Doch es überhaupt wahrzunehmen und ernst zu nehmen ist ein wichtiger erster Schritt. Denn erst wenn ich weiß, was ich brauche, was mir guttut, kann ich entscheiden, wie ich damit umgehen möchte.
Wieder mehr bei sich selbst ankommen
Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen ist der Schlüssel zu sich selbst. Es bedeutet, sich selbst besser kennenzulernen, die eigenen Grenzen zu spüren und bewusster mit sich umzugehen. Manchmal haben wir allerdings so lange funktioniert, uns angepasst oder Verantwortung übernommen, dass es schwierig geworden ist, die eigene innere Stimme überhaupt noch zu hören.
Dann kann es hilfreich sein, gemeinsam hinzuschauen:
In meiner Praxis für psychosoziale Beratung in Graz begleite ich Menschen dabei, ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen bewusster wahrzunehmen, gewohnte Muster zu reflektieren und Schritt für Schritt wieder mehr Klarheit für ihren eigenen Weg zu entwickeln.
Impuls zum Mitnehmen
Halte heute für einen Moment inne und spüre in deinen Körper. Wo nimmst du Anspannung, Ruhe oder etwas anderes wahr?
Und frage dich: „Was brauche ich gerade?“
Nimm deinen Körper wahr, er kennt die Antwort, bevor unser Kopf sie kennt.
Alles Liebe,
Carina
Echt. Klar. Menschlich. Und mit Herz.




