Psychohygiene – ein Begriff, über den wir im Alltag wahrscheinlich eher selten nachdenken. Wir achten auf unseren Körper: Wir putzen unsere Zähne, duschen, versuchen, uns möglichst ausgewogen und gesund zu ernähren und wissen, wie wichtig Bewegung und Erholung für unsere Gesundheit sind. Wenn etwas weh tut oder über längere Zeit nicht stimmt, beginnen wir irgendwann, genauer hinzuschauen und gegebenenfalls auch zum Arzt zu gehen.
Aber was tun wir eigentlich für unsere psychische Gesundheit?
Auch innerlich sammelt sich im Laufe eines Tages einiges an: Das kann Freude oder Dankbarkeit sein, jedoch auch Stress, Sorgen, Ärger, Enttäuschungen, Erwartungen, Konflikte oder Gedanken, die uns nicht loslassen. Manches beschäftigt uns nur kurz, anders nehmen wir mit in den Feierabend, ins Bett und manchmal sogar in den nächsten Tag. Und dann wundern wir uns, dass wir schlecht oder unruhig geschlafen haben oder uns nicht ausgeschlafen fühlen.
Und trotzdem nehmen wir uns erstaunlich wenig Zeit dafür, wahrzunehmen, was all das eigentlich mit uns macht.
Genau hier setzt Psychohygiene an.
Was bedeutet Psychohygiene eigentlich?
Psychohygiene umfasst Maßnahmen und Gewohnheiten, die dazu beitragen können, die eigene psychische Gesundheit zu erhalten und das seelische Wohlbefinden zu stärken. Sie bedeutet, wahrzunehmen, wie es einem gerade wirklich geht, Belastungen ernst zu nehmen und Möglichkeiten zu finden, gut mit ihnen umzugehen.
Dabei geht es nicht darum, immer ausgeglichen, entspannt oder gut gelaunt zu sein. Auch unangenehme Gefühle gehören zum Leben und dürfen sein.
Leider geht das im Alltag viel zu oft unter. Wir funktionieren, erledigen, was erledigt werden muss, kümmern uns um andere, arbeiten unsere To-do-Listen ab, beantworten noch schnell eine Nachricht und denken vielleicht noch darüber nach, was morgen alles zu tun ist.
Die Frage „Wie geht`s mir eigentlich gerade?“ stellen wir uns dabei oft erst dann, wenn die Antwort bereits ziemlich deutlich ausfällt.
Psychohygiene beginnt nicht erst, wenn nichts mehr geht – Möglichkeiten sich selbst etwas Gutes zu tun
Für die psychische Gesundheit ist es hilfreich, Belastungen nicht dauerhaft zu ignorieren, wegzuschieben oder gar schön zu reden. Anhaltender Stress kann sich sowohl psychisch als auch körperlich bemerkbar machen: Zum Beispiel durch innere Unruhe, Gereiztheit, ständige Müdigkeit und Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder Schlafprobleme.
Deshalb braucht Psychohygiene auch nichts Großes oder Außergewöhnliches sein, sie kann mitten im Alltag stattfinden:
- ein Spaziergang ohne Handy: Schon eine kurze Runde vor oder nach der Arbeit kann helfen, Abstand vom Tag zu gewinnen und Gedanken zu sortieren.
- mit jemandem reden: Ein Gespräch mit einem Menschen, bei dem wir nichts darstellen und nicht funktionieren müssen, kann entlasten.
- Bewegung: Es muss kein intensives Sportprogramm sein. Bewegung kann helfen, Anspannung abzubauen und wieder stärker ins eigene Körpergefühl zu kommen.
- Musik und Lachen: Dinge, die Freude machen, dürfen ihren Platz haben – auch dann, wenn sie keinen anderen „Nutzen“ erfüllen.
- Ruhe: Nicht jede freie Minute muss gefüllt werden. Manchmal dürfen wir einfach sitzen, einen Kaffee trinken oder aus dem Fenster schauen.
- Zeit in der Natur: Rausgehen, wahrnehmen, was um uns herum passiert, und für einen Moment nicht auf einen Bildschirm schauen.
- eine Grenze setzen: Ein Nein auszusprechen, wenn etwas zu viel wird, kann genauso zur Psychohygiene gehören wie eine Pause.
- eine Pause machen, obwohl noch nicht alles erledigt ist
- den Tag bewusst beenden: Sich am Abend kurz zu fragen, was heute schön war oder wofür ich an diesem Tag dankbar bin. Und die Antworten in ein Büchlein oder Heft schreiben.
Psychohygiene kann also sehr unterschiedlich aussehen. Entscheidend ist weniger, was wir tun, sondern ob es uns tatsächlich guttut.
Manchmal bedeutet Psychohygiene auch, sich ganz bewusst zu fragen:
- „Was beschäftigt mich gerade?“
- „Was davon kann ich beeinflussen, und was nicht?“
- „Was brauche ich im Moment?“
Auch wenn Fragen nicht automatisch jedes Problem lösen, können sie helfen, wieder bewusster wahrzunehmen, was innerlich eigentlich gerade passiert.
Nicht alles muss sofort gelöst werden
Muss jedes Problem sofort gelöst werden? Lässt sich überhaupt alles sofort lösen? Natürlich nicht.
Manche Situationen brauchen Zeit. Manche Entscheidungen brauchen mehrere Anläufe und dürfen auch verändert werden. Manche Gefühle möchten zunächst wahrgenommen werden, bevor wir wissen, wie wir damit umgehen wollen.
Auch das gehört zur Psychohygiene: sich selbst nicht ständig unter Druck zu setzen, möglichst schnell wieder „funktionieren“ zu müssen oder eine Lösung parat zu haben.
Es darf Tage geben, an denen wir müde sind.
Es darf Situationen geben, die uns überfordern.
Es darf auch Tage geben, an denen uns langweilig ist.
Es darf Themen geben, bei denen wir alleine gerade nicht weiterkommen.
Auch Unterstützung kann Psychohygiene sein
Wir müssen nicht erst völlig erschöpft sein oder uns in einer schweren Krise befinden, bevor wir mit jemandem über das sprechen, was uns beschäftigt.
Psychosoziale Beratung bietet einen geschützten Rahmen, um Gedanken zu sortieren, Belastungen anzuschauen, eigene Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen, Grenzen zu setzen oder neue Perspektiven zu entwickeln.
Manchmal braucht es keine fertige Lösung, sondern einfach jemanden, der zuhört. Und manchmal beginnt Veränderung und besseres Wohlbefinden genau dort: Bei dem Moment, in dem wir uns selbst und das, was uns beschäftigt, wieder ernst nehmen.
Denn vielleicht sollten wir mit unserer psychischen Gesundheit ähnlich umgehen wie mit unserer körperlichen: Nicht erst dann darauf achten, wenn etwas nicht mehr geht.
Alles Liebe,
Carina
Echt. Klar. Menschlich. Und mit Herz.




