Entscheidungen treffen kann schwierig sein – besonders dann, wenn unterschiedliche Seiten in uns nicht dasselbe wollen.
Die Arbeit mit inneren Anteilen kann hilfreich sein, wenn wir vor einer Entscheidung stehen und nicht wissen, welchen Weg wir gehen möchten.
Soll ich bleiben oder gehen? Zusagen oder absagen? Etwas verändern oder doch lieber beim Vertrauten bleiben?
Manche Entscheidungen beschäftigen uns nicht nur für ein paar Stunden. Wir denken darüber nach, wägen ab, sprechen mit anderen Menschen, schreiben vielleicht Pro-und-Contra-Listen – und sind danach manchmal genauso unsicher wie vorher.
Das kann anstrengend werden.
Vor allem dann, wenn eine Entscheidung wichtig ist, Konsequenzen hat oder uns emotional betrifft. Das Gedankenkarussell dreht sich weiter und irgendwann entsteht vielleicht der Wunsch:
„Ich möchte endlich wissen, was ich tun soll.“
Doch möglicherweise liegt die Schwierigkeit gar nicht darin, dass wir zu wenig nachgedacht haben. Vielleicht gibt es in uns unterschiedliche Seiten, die nicht dasselbe wollen.
Wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen
Wir möchten vielleicht beruflich etwas verändern und gleichzeitig unsere finanzielle Sicherheit nicht gefährden.
Wir möchten in einer Beziehung eine Grenze setzen und gleichzeitig die Verbindung zum anderen Menschen nicht verlieren.
Wir sehnen uns nach einem Neuanfang und möchten gleichzeitig etwas Vertrautes nicht loslassen.
Psychologisch wird das gleichzeitige Vorhandensein widersprüchlicher Gefühle oder Bestrebungen als Ambivalenz bezeichnet. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir nicht wissen, was wir wollen. Manchmal wissen unterschiedliche Seiten in uns sogar ziemlich genau, was sie wollen… nur eben nicht dasselbe.
Und genau deshalb kann reines Abwägen irgendwann an seine Grenzen kommen.
Eine Pro-und-Contra-Liste zeigt uns Argumente. Sie zeigt uns aber nicht unbedingt, welche Bedürfnisse, Ängste, Werte oder Erfahrungen hinter diesen Argumenten stehen.
Wie die Arbeit mit inneren Anteilen bei Entscheidungen helfen kann
Bei der Arbeit mit inneren Anteilen werden unterschiedliche innere Positionen bewusst wahrgenommen und voneinander unterschieden.
Statt immer wieder nur zu fragen:
„Was soll ich tun?“
kann eine andere Frage in den Mittelpunkt rücken:
„Was macht diese Entscheidung für mich eigentlich so schwierig?“
Vielleicht gibt es einen Anteil, der sich nach Veränderung sehnt, und einen anderen, der Sicherheit braucht. Ein Teil möchte eine Grenze ziehen, während ein anderer Angst vor Ablehnung oder Konflikten hat.
Werden diese unterschiedlichen Positionen sichtbar gemacht, kann aus einem schwer greifbaren:
„Ich weiß einfach nicht, was ich will.“
etwas Konkreteres werden:
„Ich möchte diese Veränderung. Gleichzeitig macht mir Angst, was dadurch auf mich zukommen könnte.“
Damit ist die Entscheidung zwar noch nicht getroffen, aber es wird deutlicher, worum es im inneren Konflikt eigentlich geht.
Und genau darin liegt eine Stärke dieser Methode: Das innere Hin und Her kann sortiert werden. Bedürfnisse, Befürchtungen und Wünsche werden greifbarer und können bewusst in den Entscheidungsprozess einbezogen werden.
Jede Stimme hat ihre Berechtigung
Jeder Anteil hat seine Berechtigung und verdient es, wahrgenommen und ernst genommen zu werden.
Auch hinter einer Stimme, die uns scheinbar im Weg steht, kann ein wichtiges Anliegen liegen. Manche Anteile haben im Laufe unseres Lebens Aufgaben übernommen oder Strategien entwickelt, die in bestimmten Situationen hilfreich waren oder uns geschützt haben. Was früher einmal sinnvoll und hilfreich war, muss jedoch heute nicht mehr in derselben Form dienlich sein.
Ein Anteil, der beispielsweise gelernt hat, Konflikten möglichst aus dem Weg zu gehen, hat damit vielleicht einmal für Sicherheit gesorgt. Heute kann genau diese Strategie dazu führen, dass eigene Bedürfnisse oder Grenzen kaum berücksichtigt werden.
Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuhören:
Was möchte dieser Anteil für mich? Welche Aufgabe hat er übernommen? Was hat er vielleicht einmal für mich geleistet, und brauche ich diese Strategie heute noch in derselben Form?
Dabei geht es nicht darum, einen Anteil abzulehnen oder loszuwerden. Vielmehr kann seine Funktion anerkannt und gleichzeitig geprüft werden, was davon für die heutige Situation noch hilfreich ist.
Das kann neue Möglichkeiten eröffnen:
Vielleicht braucht der sicherheitsorientierte Anteil nicht unbedingt ein Nein zur beruflichen Veränderung, sondern einen guten finanziellen Plan.
Vielleicht braucht der ängstliche Anteil vor einem schwierigen Gespräch mehr Vorbereitung.
Und vielleicht braucht jener Anteil, der immer zuerst an die anderen denkt, die Erfahrung, dass auch die eigenen Bedürfnisse berücksichtigt werden dürfen.
So wird aus der Frage: „Welcher Anteil setzt sich durch?“ die Frage: „Was brauche ich, um eine Entscheidung treffen zu können, die meine unterschiedlichen Seiten möglichst gut berücksichtigt?“
Von der Zerrissenheit zur Selbstklärung
Die Arbeit mit inneren Anteilen nimmt uns die Entscheidung nicht ab, sie kann jedoch dabei helfen, zwischen eigenen Bedürfnissen, Ängsten, Wünschen, Werten und den Erwartungen anderer zu unterscheiden.
Manchmal verändert sich dadurch sogar die ursprüngliche Frage.
Aus:
„Soll ich das machen oder nicht?“
wird vielleicht:
„Was brauche ich, damit ich diesen Schritt gehen kann?“
Oder aus:
„Soll ich bleiben oder gehen?“
wird:
„Was müsste sich verändern, damit Bleiben für mich noch stimmig wäre?“
Innere Klarheit bedeutet dabei nicht, dass plötzlich alle Anteile dasselbe wollen. Es geht vielmehr darum, die unterschiedlichen Stimmen zu kennen, ihre Anliegen ernst zu nehmen und daraus eine bewusste Entscheidung zu entwickeln.
Die Arbeit mit inneren Anteilen kann so aus einem belastenden „Ich weiß nicht, was ich tun soll“ ein klareres Verständnis dafür entstehen lassen, was mir bei meiner Entscheidung wirklich wichtig ist und welchen Weg ich damit gehen möchte.
Stecken Sie gerade selbst in einer schwierigen Entscheidung fest?
Psychosoziale Beratung kann Sie dabei unterstützen, unterschiedliche innere Stimmen wahrzunehmen, ihre Anliegen besser zu verstehen und herauszufinden, was Sie für Ihre Entscheidung brauchen und was für SIE wirklich wichtig ist.
Alles Liebe,
Carina
Echt. Klar. Menschlich. Und mit Herz.
Quellen und Inspirationen
Guarana, C. L. & Hernandez, M. (2016). Identified ambivalence: When cognitive conflicts can help individuals overcome cognitive traps. Journal of Applied Psychology, 101(7), 1013–1029.
Rosner, A. et al. (2022). Ambivalence in decision making: An eye tracking study. Cognitive Psychology, 134, 101464.
Schulz von Thun, F. (1998). Miteinander reden 3: Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt.
Schwartz, R. C. (1995). Internal Family Systems Therapy. Guilford Press.
Watkins, J. G. & Watkins, H. H. (1997). Ego States: Theory and Therapy. W. W. Norton.




